Leseprobe

 

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Zehn Minuten.

Die dunkle Gestalt des Jägers lag verborgen zwischen Antennenmasten, Stromleitungen und Schornsteinen, die ihren dichten Qualm in die morgendliche Luft spuckten, auf dem Dach eines mehrstöckigen Gebäudes.

Der stechende Blick des Mannes fixierte eine Straßenkreuzung direkt unterhalb seiner Position.

Die Herausforderung, seiner Arbeit an einem öffentlichen Ort nachzugehen, beflügelte ihn und er erlaubte sich, leichte Euphorie zu empfinden, während er auf sein Opfer wartete.

Akribische Planung und kompromisslose Ausführung, darauf konnten sich seine Auftraggeber stets verlassen.

Die Regierung der unterirdischen Stadt hatte ihr Geld gut bei ihm angelegt und in exakt neun Minuten ein wesentliches Problem weniger.

Ein kühler Wind strich über ihn hinweg und ließ seine halblangen braunen Haare leicht wehen. Der Herbst war unerbittlich auf dem Vormarsch. Er freute sich bereits, nach dem Ausführen des Auftrags, den Tag gemütlich bei einem Glas Whiskey zuhause vor dem Kamin zu verbringen.

Womöglich schaute er am späteren Abend noch im Schattenviertel vorbei.

Er griff zur Seite und öffnete einen länglichen Koffer. Mit einer schnellen Bewegung rollte er sich auf den Rücken und baute sein modifiziertes Scharfschützengewehr zusammen. Mattschwarz, extrem hohe Durchschlagskraft und unglaublich präzise.

Die von dieser Waffe verschossenen Kugeln waren fein ziselierte Einzelanfertigungen. Barocke Elemente wanden sich um die mattbronzen schimmernde Ummantelung.

Sinnierend drehte er eine der Patronen zwischen seinen Fingern.

Das Gewehr lud er nur zur Sicherheit, brauchen würde er es wohl nicht, sein Plan sah Anderes vor.

Er blickte wieder hinab zur Kreuzung. Sicherlich wären nach Beendigung des Auftrages auch zwei Gläser Whiskey zusammen mit guter Musik angebracht. Hoffentlich war die neue Scheibe der Crosscoix heute angekommen. Er brauchte neue Inspiration.

Ein knapper Blick auf seine absolut präzise arbeitende Uhr sagte ihm, dass Mr. Blake die letzten Minuten seines Lebens bevorstanden.

Er mochte die Uhr, sie war ebenfalls eine Spezialanfertigung und unheimlich teuer gewesen. Das offene Uhrwerk erlaubte ihm einen Blick auf die sich beständig drehenden Zahnräder, versehen mit edlen Steinintarsien.

Nach seiner letzten Information hatte Mr. Blake seine Familie mit im Wagen sitzen, um seinem unerfreulichen Schicksal zu entfliehen. Es würde folglich ein sauberer Schnitt im Familienstammbaum werden.

Der Jäger atmete zweimal tief durch und blickte durch den Sucher seines Gewehres die lange Straßenschlucht hinab. Autos krochen unter ihm entlang wie müde Käfer und ein paar Passanten hasteten dick eingepackt durch die Kühle des frühen Morgens.

Zwei Minuten noch.

Mr. Blake hatte noch in der Nacht gepackt, als die Warnung vor dem grauen Jäger bei ihm eingegangen war. Durch die kleine Kamera, die er bereits vor Blakes Haus angebracht hatte, konnte der Jäger beobachten wie der Mann seine Kinder noch im Schlafanzug in den Wagen verfrachtet hatte, doch der Auftrag zur Eliminierung war da bereits zwei Stunden alt.

Mr. Blake hatte die zweithöchste Gefahrenstufe erhalten und niemand hatte ein Interesse daran, dass die Parahumanoide Gesellschaft ins Licht der menschlichen Öffentlichkeit gezerrt würde.

Eine Minute.

Mit einem kurzen Blick überprüfte der Jäger auf seinem Smartphone den sich rasch bewegenden Punkt von Blakes Wagen auf der eingeblendeten Stadtkarte.

Ein metallisches Quietschen erklang und über dem Jäger schwenkte ein Baukran langsam herum. An einer dicken Kette hingen mehrere langsam hin und her pendelnde Stahlträger. Direkt über der Kreuzung beendete der Kran seine Schwenkbewegung.

Dreißig Sekunden.

Die behandschuhte Hand des Jägers rief auf seinem Smartphone eine App auf. Ein einzelner roter Knopf vor schwarzem Hintergrund wurde eingeblendet.

Mit einem Seitenblick registrierte er Blakes Wagen, der soeben vor der roten Ampel an der Kreuzung zum Stehen gekommen war. Die rote Lampe spiegelte sich in der Frontscheibe, die Insassen waren nur schemenhaft zu erkennen.

Zehn Sekunden.

Die rote Spiegelung auf dem Wagen wechselte zu Grün und sein Finger senkte sich auf den roten Knopf.

Der Jäger vernahm einen leisen Knall, der vom Wind davongeweht wurde, gleichzeitig übertönt von einem metallischen Kreischen, als die Stahlträger plötzlich in Schräglage gerieten.

Blakes Wagen fuhr an.

Mit einem Knall barst die haltende Kette und erste aufgeregte Schreie von aufmerksamen Passanten hallten durch die Straße.

Die Stahlträger fielen als gnadenloser Regen in Richtung Erdboden und mit donnerndem Klirren wurde das Auto begraben.

Metallstreben des Wagens knickten unter der Wucht ein. Blut besprühte die von Rissen blind gewordene Frontscheibe und lief in breiten Schlieren im Inneren herab. Reifen platzten, Rauch stieg aus dem vollkommen zerstörten Motorraum auf.

Ein bestialisches Brüllen marterte das Gehör des Jägers und die blutbesudelte Frontscheibe wurde mit Wucht aus ihrer Verankerung geschlagen.

„Mr. Blake, leben Sie denn noch?“, flüsterte der Jäger leise und richtete konzentriert das Fadenkreuz seines Gewehres auf das Dunkel im Wagen.

Er sah ein gelbliches Augenpaar hasserfüllt aufleuchten.

Der Finger des Jägers krümmte sich langsam um den Abzug, doch gerade als er abdrücken wollte, wurde der Wagen von einem grell leuchtenden Feuerball zerrissen.

Selbst die Stahlträger wurden von der Explosion ein Stück weit davongeschleudert. Die heiße Woge der Flammen brandete bis zur Dachkante hinauf und versetzte die Haare des Jägers in Bewegung.

Kurz darauf zog sich das Feuer in den Wagen zurück und vollbrachte prasselnd sein endgültiges Vernichtungswerk. Dichte, schwarze Rauchschwaden brachten den Geruch von verschmortem Gummi und Horn in die Straßen.

Auftrag erledigt.

Der Jäger legte das Gewehr zur Seite und schob sich von der Gebäudekante zurück. Vorsichtig richtete er sich auf, doch bei einem letzten Blick zurück auf den brennenden Wagen stutzte er.

Die zuckenden Schatten, die von den Flammen geworfen wurden, konzentrierten sich immer wieder zu tiefer Schwärze und schienen sich zitternd zu strecken.

Selbst der Schatten einer älteren Dame verschärfte plötzlich seine dunklen Konturen und kroch, sich selbstständig machend, mit zitternden Gliedern über den grauen Asphalt der Straße auf den brennenden Wagen zu, ohne sich über Licht- und Schattenverhältnisse Gedanken zu machen.

Er wischte sich über die Augen und sah noch einmal hinab.

Ein letzter Schattenfetzen zog sich gerade in die Flammen hinein, dann war nichts mehr zu sehen.

Einen kurzen Moment blieb der Jäger noch überlegend stehen, dann verstaute er ordentlich sein Gewehr und schritt in Richtung Treppenhaus. Der Kies auf dem großen Flachdach knirschte unter seinen Stiefeln.

Über seine Beobachtung sollten sich seine Auftraggeber Gedanken machen, es war nicht seine Sache.